„Wir haben die Kraft, Gefährdungen immer von Neuem zu überwinden“


„Seit 1952 – jeweils zwei Wochen vor Beginn der Adventszeit -  erinnert uns der Volkstrauertag daran, wie kostbar und verletzlich der Frieden in Europa ist. Wie kostbar und verletzlich ein friedliches Zusammenleben weltweit.  Wir erinnern daran, dass von deutschem Boden zwei Weltkriege mit einem ungeheuren Ausmaß an Leid, Tod und Zerstörung ausgingen. (…)

Mit dem heutigen Volkstrauertag blicken wir auf die Toten dieser zwei Weltkriege, aber auch auf die Toten der Kriege und Völkermorde, die seit 1945 in Europa und weltweit stattfanden. Wir blicken auf die Opfer ideologischen Rassenwahns und von Massakern. Auf die Opfer von Verfolgung und Gewaltherrschaft.

Mit dem Volkstrauertag 2019 erinnern wir an die Kriegstoten und die Opfer von Gewaltherrschaft in vielen Nationen. Wir erinnern uns beispielhaft an die 3000 Terror-Opfer der islamistischen Terrorwelle vom 11. September 2001 in New York und an die 56 Terror-Opfer in der Londoner U-Bahn vom 7. Juli 2005.

Wir gedenken der Toten im Nahen Osten und in Syrien. Wir denken an die Menschen in vielen Ländern Afrikas: Sie sind nicht nur die leidenden Opfer ungerechter Güterverteilung. Ihr Leben ist vielfältig bedroht: Durch grassierenden Klimawandel, Hunger, Vertreibung und kriegerische Auseinandersetzungen. 9 Millionen Hungertote pro Jahr verzeichnen die UN, was statistisch bedeutet, dass alle 3 Sekunden ein Mensch - meistens ist es ein Kind - an Hunger stirbt.  Wir gedenken der sterbenden und getöteten Kinder weltweit. (…)

Je genauer wir hinschauen, desto notwendiger, desto klarer wird der Blick darauf, dass kriegerische Gewalt immer wieder neue kriegerische Gewalt hervorruft, selbst noch nach Jahrhunderten, wie es uns der Krieg im ehemaligen Jugoslawien 1995 zeigte – mit seinen fürchterlichen Massakern und Vergewaltigungen. (…)

Bundespräsident Richard von Weizsäcker sagte seinerzeit zum Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkrieges, dass wir aus unserer eigenen Geschichte lernen können, wozu der Mensch fähig ist. Doch dürften wir uns nicht einbilden, wir seien als Deutsche anders und besser geworden. „Es gibt keine endgültige moralische Vollkommenheit – für niemanden und kein Land! Wir haben als Menschen gelernt. Wir bleiben als Menschen gefährdet. Aber wir haben die Kraft, Gefährdungen immer von Neuem zu überwinden.“ (…)

Die Vergangenheit der großen Kriege in Europa und weltweit lässt sich nicht nachträglich ändern oder ungeschehen machen. Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren. (…)

Volkstrauertage wie dieser verknüpfen Erinnerung und Versöhnung und die Appelle, dass so etwas nie wieder passieren darf, mit den Verwerfungen, sozialen Schieflagen und dem Leid des modernen Menschen in einer kälter werdenden Welt mit ihren neu aufflammenden nationalen, rechtspopulistischen und antisemitischen Einstellungen und Gewalttaten. Gerade auch durch diese aktuellen Bezüge und gerade aus diesem Blickwinkel bekommt der Tag heute einen tieferen Sinn.

Frieden und Überleben in Europa und im gemeinsamen Haus und unter dem Dach aller Völker ist nur gemeinsam möglich. Ob es gelingt, den Kältestrom von Ausgrenzung und Entwertung einzudämmen und den Wärmestrom der Empathie zum Durchbruch zu verhelfen? Davon, so scheint mir, hängt vieles ab.

Zum Foto: Schülerinnen und Schüler des Werner-von-Siemens-Gymnasiums legten am Ehrenmal an der Eper Straße zum Zeichen des Gedenkens weiße Rosen nieder.  

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